Call for Papers QJB 17 (deutsch)

Thema: Anonymität und Geschlecht. Zur Geschichte und Aktualität von Namenlosigkeit

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Die eindeutige Identifizierbarkeit einer Person durch einen Namen erfüllt insbesondere in der westlichen Kultur eine Reihe von Funktionen in der sozialen Interaktion, die durch programmatische oder erzwungene Anonymität unterlaufen oder gestört werden. Dazu gehört – wie aktuelle Debatten um einen ‚Klarnamenzwang‘ im Internet zeigen – vor allem die Möglichkeit, Menschen im juristischen, ökonomischen und moralischen Sinne für ihre Handlungen und Äußerungen haftbar zu machen, oder positiv: ihnen ihre eigenen Leistungen (etwa im urheberrechtlichen Sinne) zuordnen und zueignen zu können.

Die Geschichte des anonymen Publizierens zeigt, dass vollständige Anonymität selten gewahrt werden konnte; unter den Bedingungen elektronischer Kommunikation und Vernetzung wird sie nahezu unmöglich. Es ist nur scheinbar ein Paradoxon, dass angesichts dieser Situation das Bedürfnis nach Namenlosigkeit bzw. Maskierung wachsen könnte: Anonymität wird zum Politikum, das auf der einen Seite mit Verantwortungslosigkeit, auf der anderen Seite mit demokratischer Partizipation und der Macht des (Internet-)Kollektivs in Verbindung gebracht wird.

Seit einer Studie von Barbara Hahn ist bekannt, welche Konsequenzen es für die Tradierung von kulturellen Leistungen von Frauen hatte, dass jahrhundertelang geltende Namensrechte Uneindeutigkeiten im Hinblick auf weibliche Namensidentitäten verursachten: Eheschließungen, Scheidungen, Wiederverheiratungen führten zu oft verwirrenden Namensänderungen. Nicht selten wurden daher Frauen z.B. in der Literaturgeschichte – wenn überhaupt – mit ihrem Vornamen tradiert (‚die Bettine‘, ‚Rahel‘, ‚Caroline‘). Die vermeintliche Stabilität von Vornamen wirft dagegen andere Probleme auf. Neuere Queer- und Transgenderstudien haben auf die Bedeutung der Namensgebung für die Konstruktion von Geschlecht aufmerksam gemacht: Die Wahl des Vornamens ist – wenn auch nicht immer und überall – mit dem Zwang zur Festlegung des Geschlechts verbunden. Das deutsche Namensrecht verlangt z.B. in aller Regel eindeutig männliche oder weibliche konnotierte Vornamen, anders als im US-amerikanischen Namensrecht sind geschlechtsneutrale Orts- oder Pflanzennamen nicht erlaubt. Seit Jahrhunderten aber ist bekannt, dass die Bewertung öffentlichen Handelns, die Beurteilung von politischen, sozialen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Leistungen nicht geschlechtsneutral erfolgen. Frauen reagierten darauf, wie u.a. Susanne Kord für die Literaturgeschichte zeigen konnte, nicht selten mit der Strategie der Anonymisierung ihrer Veröffentlichungen.

Im 21. Jahrhundert wird Anonymität zunehmend als Nicht-Identifizierbarkeit definiert, ein Zustand, der angesichts der neuen technischen Möglichkeiten ebenso unerreichbar wie reizvoll erscheint. Gleichzeitig lösen sich traditionelle Identifikationsmerkmale auf: Zur Namenskennzeichnung sind weitere (teilweise geschlechtsneutrale) Codierungen wie Kunden-, Kreditkarten- und Versicherungsnummern, IP-Adressen hinzugekommen; Ortungssysteme können eine Person bzw. ihre mobilen Geräte anhand eines elektronisch ermittelbaren Bewegungsprofils eindeutig identifizierbar machen. Gleichzeitig wachsen die Möglichkeiten, mit ‚erfundenen‘ oder ‚geborgten‘ (geschlechtlichen) Identitäten elektronisch zu kommunizieren. In der Anonymität gezielt die Kategorie Geschlecht auzublenden, ist auch das Ziel beispielsweise anonymer Bewerbungs- und Begutachtungsverfahren. In sozialwissenschaftlicher Forschung, die einen Einfluss von Geschlecht auf bestimmte Phänomene vermutet, soll vielleicht auch trotz der Nicht-Identifzierbarkeit von Proband/innen Geschlechtszugehörigkeit resp. -zuschreibung transportiert werden. In allen Fällen stellt sich die Frage, wann ein Werk/eine Handlung vom Namen getrennt wird und wer in der Lage ist, diese Informationen wieder zusammenzuführen.

Im geplanten Band 17 des Jahrbuchs Querelles sollen die Dimensionen und Konsequenzen dieser Entwicklungen untersucht werden. Es soll unter besonderer Berücksichtigung geschlechtergeschichtlicher und -theoretischer Aspekte der Namensgebung danach gefragt werden, welche einerseits befreienden, andererseits problematischen Aspekte anonymes Sprechen, Schreiben, Handeln hat und haben kann. Dabei soll insbesondere die Frage gestellt werden, ob die geschichtliche und aktuelle Funktion von Anonymität/Nicht-Identifizierbarkeit neuere Erkenntnisse über die Bedeutung (oder Bedeutungslosigkeit) von Geschlechterkonstruktionen in verschiedenen kulturellen und sozialen Kontexten ermöglicht.

Im Einzelnen könnten folgende Aspekte berücksichtigt werden:

  • Veränderungen der Dichotomie von Öffentlichkeit und Privatsphäre durch Anonymität/Nicht-Identifizierbarkeit
  • Anonymität und Pseudonymität bei wissenschaftlichen Publikationen
  • Namenlosigkeit und Namenwechsel in historischer Perspektive
  • Anonymität als Notlösung, Schutz und/oder Strategie im Umgang mit Öffentlichkeitsanforderungen in politischen, sozialen und kulturellen Kontexten
  • Funktion von Anonymität/Nicht-Identifizierbarkeit in verschiedenen Lebensphasen und -bereichen, Lebenskrisen (anonymes Begräbnis, Babyklappe, HIV-Test)
  • Anonymität und (berufliche) Karriere (z.B. Beurteilungs- und Bewerbungsverfahren)
  • Anonymität und Gerechtigkeit/juristischer Regelungsbedarf
  • Spiel mit Geschlechterrollen in anonymen (Netz-)Veröffentlichungen und Sozialen Netzwerken
  • Spiel mit Geschlechterrollen in anonymer Verkleidung (Maskenball, Uniform…)
  • Anonymität und Verantwortung: individuelle und kollektive Namensgebung
  • Anonymität und Verbrechen: Rechte von Opfern und Täter/innen
  • Geschlechterunterschiede im Umgang mit neueren Anonymisierungsmöglichkeiten und kollektiver Autorschaft (‚Schwarmintelligenz‘)
  • Anonymität und Sexualität
  • gesellschaftliches/politisches Handeln in Gruppen, Partizipationschancen, anonyme Anführerinnen/Sprecherinnen
  • Überwachung und Datenschutz, Gefahren für die Anonymität
  • anonyme Zeug/innen: vor Gericht, als historische Zeug/innen…
  • nach dem Datenschutz: Geschlechterdimension der post-privacy-Zeit; Transformation der historischen öffentlich-privat-Dichotomie

Beiträge müssen über das Redaktionssystem des Jahrbuchs eingereicht werden, eine Übermittlung per E-Mail oder Post ist nicht möglich. Die Beiträge werden einem Peer-Review-Verfahren unterzogen.

Einreichungsschluss für Beiträge ist der 31. Mai Oktober 2013. Eine frühere Einreichung ist möglich und erwünscht.

Beiträge, die nach positiver Begutachtung fertig lektoriert und gesetzt sind, werden kontinuierlich und so früh wie möglich veröffentlicht. Alle akzeptierten Beiträge bilden gemeinsam den Band 17 des Jahrbuchs Querelles.

Querelles ist ein Ort für einen methodisch offenen Dialog in der Tradition der Querelle des Femmes. 1996 als erstes disziplinenübergreifendes Jahrbuch in diesem Bereich gegründet, dient das Jahrbuch Querelles der historischen Kontextualisierung aktueller Themen- und Methodenentwicklungen und der kritischen (Selbst-)Reflexion der Geschlechterforschung. In disziplinären, inter- und transdisziplinären Herangehensweisen werden zentrale Themen aufgegriffen; zusätzlich wird an ausgewählten Beispielen Wissenschaftsgeschichte als Geschlechtergeschichte analysiert. Mit der Umstellung auf ein Open-Access-Periodikum im Jahr 2011 führt das Jahrbuch eine erneute Innovation durch. Die Umstrukturierung wird gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Hinweise für das Verfassen von Beiträgen:

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Fragen und Rückmeldungen

Für inhaltliche und organisatorische Fragen zum Band 17 stehen Ihnen die Herausgeber/innen dieses Jahrgangs gerne zur Verfügung. Bei allgemeinen und technischen Fragen, insbesondere zu möglichen Formaten und dem Einreichungsverfahren, können Sie sich an die Kontaktadresse wenden (anita.runge@fu-berlin.de).