Anonymität nach dem Tod: Subjektive Deutungen anonymer Bestattung und genderbezogene Differenzen

Von Nicole Sachmerda-Schulz und Paul Sebastian Ruppel
Themen: Anonymität; Tod; Bestattung; Genderdifferenzen; Säkularisierung
Eingereicht 21.12.2012
Angenommen 6.12.2013
Veröffentlicht 10.4.2014

Abstract: Anonyme Bestattungen haben in den letzten Jahrzehnten in Deutschland stark zugenommen. Damit hat sich neben traditionellen Formen der Bestattung und Grabgestaltung eine Beisetzungsform etablieren können, bei der das Grab nicht namentlich gekennzeichnet und daher für die Öffentlichkeit sowie häufig auch für Angehörige nicht auffindbar ist. Der Frage, was es bedeutet, bei der Grabwahl auf die Namensnennung und damit auf die Lokalisierung der persönlichen Grabstätte zu verzichten, wird im Beitrag anhand offener Leitfadeninterviews mit Personen, die sich für eine anonyme Bestattung entschieden haben, nachgegangen. In der Analyse der im Rahmen einer Grounded-Theory-Studie erhobenen und ausgewerteten Daten werden Aspekte deutlich, die sich zum Beispiel um Kontrollierbarkeit eigener Belange bis über den Tod hinaus, ein auf Inklusion und Exklusion abzielendes Handeln sowie scheinbar paradoxe Momente von Individualitätsstreben drehen. Zudem zeigen sich hier auffällige Differenzen zwischen Frauen und Männern: Die Präsentation bzw. Repräsentation von Weltanschauungen und Werthaltungen stellt für die Interviewpartner eine Triebfeder für die Entscheidung für eine Anonymbestattung dar. Aussagen der Interviewpartnerinnen indes verweisen darauf, dass diese Entscheidung primär einer pragmatischen und am sozialen Umfeld ausgerichteten Orientierung folgt.

1 Die Namenskennzeichnung von Grabstätten spielt in der Erinnerungskultur eine wichtige Rolle. Mit Namen versehene Gräber präsentieren die Verstorbenen auf dem Friedhof als öffentlichem Raum. In den letzten 30 Jahren aber hat sich eine neue Beisetzungs- und Grabform etabliert: die anonyme Bestattung. Hier entfällt eine namentliche Kennzeichnung des individuellen Grabes, wodurch die letzte Ruhestätte der verstorbenen Person für die Öffentlichkeit sowie häufig auch für Angehörige nicht mehr auffindbar ist. Dieses Phänomen wirft verschiedene Fragen auf: Was genau verbirgt sich hinter der Bezeichnung ‚anonyme Bestattung‘? Was bedeutet ‚Anonymität‘ in diesem Kontext? Und welche individuellen Motive liegen der Entscheidung für eine anonyme Bestattung zugrunde? Um diesen Fragen nachzugehen, werden zunächst die Spezifika anonymer Bestattungen genauer betrachtet. Anschließend werden die subjektiven Perspektiven auf Anonymität skizziert, die Personen einnehmen, die sich für eine anonyme Bestattung entschieden haben. Die auffallend heterogenen Verständnisse und Bedeutungen von Anonymität in diesem Feld können so herausgearbeitet werden. In einem weiteren Schritt werden die Motive und Intentionen betrachtet, die wesentlich zu der Entscheidung für eine Anonymbestattung beitragen. Hierbei zielt der Beitrag im Besonderen darauf ab, die empirisch aufscheinenden genderbezogenen Differenzen im Umgang mit Trauer und Bestattung am Interviewmaterial aufzuzeigen.

1. Die anonyme Bestattung in Deutschland

2 Die anonyme Bestattung gilt in der Öffentlichkeit noch als Sonderfall. Eine Ausnahme ist sie jedoch längst nicht mehr. Enorme Zuwachsraten verdeutlichen eine Etablierung der anonymen Bestattung neben der traditionellen Erd- und Feuerbestattung als Regelbestattung. So handelt es sich beispielsweise in Niedersachsen bei 30 Prozent der Bestattungen auf kommunalen Friedhöfen um anonyme Bestattungen (vgl. Sachmerda-Schulz 2010).[1]

3 Der Versuch einer eindeutigen wie einheitlichen Begriffsbestimmung von anonymer Bestattung sieht sich allerdings mit einigen Herausforderungen konfrontiert. In einem eher weit gefassten Begriffsverständnis wird anonyme Bestattung im „Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur“ definiert als Beisetzung eines Verstorbenen in einer Gemeinschaftsanlage ohne individuelles Grabzeichen, das auf die Lage des Grabes hinweist (vgl. Zentralinstitut für Sepulkralkultur 2010). Zumeist finden anonyme Bestattungen als Urnenbeisetzung auf einer Rasenfläche des Friedhofs statt.[2] Die genaue Beisetzungsstelle darf dabei von der Friedhofsverwaltung nicht mitgeteilt werden – auch nicht auf Anfrage der Angehörigen –, und das Niederlegen von Grabschmuck ist nicht gestattet.

4 Das Friedhofs- und Bestattungsrecht liegt im Verantwortungsbereich der Bundesländer und wird ergänzt durch die kommunalen und kirchlichen Friedhofssatzungen. Die Regelungen sind daher weder bundes- noch ländereinheitlich (vgl. Zentralinstitut für Sepulkralkultur 2010). Über die Art und Weise der anonymen Bestattung bestimmt letztlich die Friedhofsverwaltung. So reicht die Bandbreite anonymer Beisetzungen auf institutioneller Ebene vom vollständigen Ausschluss der Öffentlichkeit bei Nicht-Bekanntgabe des Beisetzungstages bis hin zur öffentlich angekündigten und durchgeführten regulären Bestattungszeremonie. Die anonymen Grabstätten selbst unterscheiden sich danach, ob sie ausschließlich als ‚grüne Wiese‘ ohne Kennzeichnung gestaltet sind oder aber ein zentrales Grabmal besitzen. Gibt es ein solches zentrales Erinnerungsmal, kann dieses wiederum namenlos sein oder aber die Namen der Verstorbenen auflisten. Die letztgenannte Variante erhält im „Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur“ (Zentralinstitut für Sepulkralkultur 2010) sogar einen eigenen Eintrag unter der Bezeichnung „halbanonyme Bestattung“. Dieser widersprüchliche Term verweist eindrücklich auf die genannten Bestimmungsschwierigkeiten des Begriffs ‚anonyme Bestattung‘: Anonymität muss in der Praxis demnach nicht notwendigerweise vollständig hergestellt oder aufrechterhalten werden, um in die Kategorie ‚anonyme Bestattung‘ zu fallen. Zumindest der Friedhofsverwaltung ist durch ein Rasterverzeichnis die genaue Grablage ohnehin bekannt. Das Spektrum reicht also von einem eher eng gefassten Begriffsverständnis von Anonymität wie etwa der Beisetzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Angehörigen an unbekanntem Datum sowie dem Verzicht der Namensnennung an der Grablage bis hin zu einem eher weit gefassten Verständnis, das anonyme Bestattung bereits durch die Unterlassung der Kennzeichnung der individuellen Grablage realisiert sieht. Damit wird auch deutlich, dass sich der Begriff ‚anonyme Bestattung‘ sowohl auf die Beisetzungszeremonie als auch auf die Grabstätte an sich oder auch beides gleichzeitig beziehen kann. In der Öffentlichkeit hat sich dieses breit gefasste Verständnis von anonymer Bestattung etabliert und wird in diesem Sinne auch in der Alltagssprache gebraucht.

5 Neben dem Trend zur anonymen Friedhofsbestattung verbreiten sich auch Formen anonymer Naturbestattungen. Aufgrund des im internationalen Vergleich eher restriktiven deutschen Bestattungsgesetzes, das durch den Friedhofszwang Begräbnisse nur auf dem Friedhof vorsieht, beschränken sich die Naturbestattungsvarianten in Deutschland auf Seebestattung und die Bestattung auf einem zugelassenen Waldstück. Beides ist zudem nur als Urnenbeisetzung möglich. Während die Bestattung auf See ehemals nur eine Ausnahme für Personen darstellte, die eine besondere Beziehung zum Meer nachweisen konnten, sind die Bestimmungen heute so gelockert, dass sich jeder seebestatten lassen kann und die Zahlen jährlich steigen (Fick 1996: 53). Bei der Seebestattung entfällt natürlich die Kennzeichnung des Grabes, womit die individuelle Grablage nicht auffindbar ist. Kommerziell noch erfolgreicher als die Seebestattung ist die aus der Schweiz stammende Idee der Waldbestattung, die von der Firma FriedWald seit 2001 angeboten wird.[3] Bei dieser Art der Waldbestattung wird eine Urne aus schnell abbaufähigem Material im Wurzelbereich eines Einzel- oder Gemeinschaftsbaumes in einem ‚naturbelassenen‘ Waldstück bestattet. Die Bestattungsfläche im Waldstück ist nicht umzäunt, und die Kennzeichnung als Bestattungsort ist auf ein Hinweisschild am Eingang beschränkt, da der Wald möglichst wenig an einen Friedhof erinnern soll. Die Ruhezeiten der Gräber sind mit bis zu 99 Jahren im Vergleich zu denen auf Friedhöfen, die zwischen 15 und 30 Jahren liegen, sehr lang. Ähnlich dem anonymen Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof gibt es bei Waldbestattungen ebenfalls keine Namenskennzeichnung der einzelnen Grabstätten. Allerdings ist auf Wunsch eine kleine Plakette mit Namen oder einem Spruch zur Markierung des Baumes möglich. Die Plakette muss hierbei vom Waldweg abweisend angebracht sein, um den ‚naturbelassenen Eindruck‘ zu bewahren. SpaziergängerInnen sollen entlang des offiziellen Weges keine Gräber erkennen können, die Bestattungsfläche selbst hat keine gekennzeichneten Wege. Hier zeigt sich erneut das Unspezifische des Begriffs ‚anonyme Bestattung‘: Die Baumbestattung muss zwar nicht zwingend anonym sein, jedoch sind individuelle Grabkennzeichnungen sowie persönliche Grabpflege nicht möglich. Die individuelle Grablage ist nicht exakt auffindbar, da zwar der Baum namentlich gekennzeichnet sein kann, die Lage der Urne jedoch nicht.[4]

Friedwald Dessau-Wörlitz, 2012 (Foto: Nicole Sachmerda-Schulz) Abbildung 1: Friedwald Dessau-Wörlitz, 2012 (Foto: Nicole Sachmerda-Schulz)
Anonymes Rasengrab auf dem Südfriedhof Leipzig, 2009 (Foto: Nicole Sachmerda-Schulz) Abbildung 2: Anonymes Rasengrab auf dem Südfriedhof Leipzig, 2009 (Foto: Nicole Sachmerda-Schulz)

6 In den Medien sowie von Seiten der Kirchen wird die gestiegene Nachfrage nach Anonymbestattungen als Indiz einer vermeintlich schwindenden Erinnerungskultur eher kritisch betrachtet.[5] Beispielsweise heißt es in einer Handreichung des Bistums Trier, dass die deutschen Bischöfe die Form der anonymen Bestattung ablehnten, denn mit dieser werde „nicht die Einmaligkeit und Würde des Verstorbenen zum Ausdruck gebracht, da sein Name dort verschwiegen wird, wo er bestattet ist“ (Bistum Trier 2007: 21). Auch die Naturbestattungen werden insbesondere von der katholischen Kirche missbilligt. So hat das Bistum Würzburg bekanntgegeben: „keine kirchliche Bestattung in einem Friedwald [zu] erlauben, der ideologisch als ein solcher von den Betreibern verstanden wird – d.h. Rückkehr des menschlichen Lebens in den Kreislauf der Natur, pantheistische Vorstellungen, Verschwinden des Lebens in die Anonymität“ (Bistum Würzburg 2007: 1). Der Kritik zum Trotz steigt die Zahl anonymer Bestattungen weiter an – dies zwar stärker in mehrheitlich konfessionslos sowie mehrheitlich protestantisch geprägten Regionen, jedoch auch in mehrheitlich katholischen Gebieten (vgl. Sachmerda-Schulz 2010).[6]

7 Aufgrund der gezeigten Begriffsweite der anonymen Bestattung und der unterschiedlichen Bestattungsmöglichkeiten stellt sich die Frage, welche subjektiven Deutungen von Anonymität und anonymer Bestattung vorherrschen: Was wird unter anonym verstanden? Was heißt es, bei der eigenen Grabwahl auf die Namensnennung und damit auf den möglichen Namens- und/oder Ortsbezug auf die eigene Person zu verzichten?

2. Trauer, Bestattung und Geschlecht: Thematische Einbettung

8 In der Analyse der subjektiven Sinnzuschreibungen und Motive der Entscheidung für eine Anonymbestattung zeigt sich, wie weiter unten ausführlicher dargestellt wird, genderbezogene Differenzen. Zur theoretisch-thematischen Einbettung dieser Unterschiede ist eine Betrachtung des Verhältnisses zwischen Trauer, Bestattung und Geschlecht gewinnbringend. Gehen Frauen und Männer mit Tod und Sterben unterschiedlich um? Gibt es hier zugeschriebene Geschlechtereigenschaften und genderspezifische Aufgaben?

9 In der Forschung wird häufig von so genannter ‚weiblicher‘ beziehungsweise ‚männlicher‘ Trauer gesprochen (vgl. bspw. Corr/Nabe/Corr 2000; Nolen-Hoeksema/Larson, 1999; Stinson/Lasker, 1992). Während Frauen ihre Trauer eher nach außen tragen, ihre Gefühle mit anderen teilen und aktiv nach Unterstützung suchen, versuchen Männer ‚stark‘ und ‚nicht emotional‘ zu sein. Emotionalität und ihr Ausdruck gehören – gemäß traditioneller Geschlechterstereotypen – zu den zentralen ‚Wesensmerkmalen‘ von Frauen, während Männern Rationalität und emotionale Kontrolle zugeschrieben werden (vgl. Deauy/LaFrance 1998; Hockey 1997: 90; Eckes: 1997). Der jeweilige Umgang mit Trauer entspricht damit den kulturell geprägten weiblichen und männlichen Geschlechtsrollen.[7] Insofern repräsentiert der geschlechtsspezifische Umgang mit Tod auch kulturelle Regelsysteme. Das ‚typische‘ weibliche beziehungsweise männliche Trauerverhalten wird positiv verstärkt, Abweichungen werden entsprechend abgelehnt oder sanktioniert (vgl. Eckes 2004: 178). Mit dem weiblichen Geschlecht eng verknüpft ist nach Helmers (2005) bis heute die Identifikation von Frau und Trauer, die sich beispielsweise auf den Friedhöfen des 19. Jahrhunderts in Gestalt trauernder Frauenstatuen in der Grabmalkultur repräsentiert findet. Dies entspricht der genderspezifischen Zuordnung von emotionalem Ausdruck und emotionaler Kontrolle und reproduziert tradierte Vorstellungen geschlechtergetrennter Arbeitsteilung, die Männern die Rolle der Erwerbsarbeit und Frauen Hausarbeit und Umsorgen der Familie als Hauptaufgaben zuschreiben. Danach agiere der Mann in der Öffentlichkeit, während die Frau sich entsprechend in der häuslichen, also privaten Sphäre wiederfinde, wodurch ihr die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erschwert werde (vgl. bspw. Klaus/Drüeke 2004). Die Grabpflege gehört demnach symbolisch zu den Tätigkeiten in Haus und Garten und damit zu den ‚typischen‘ Arbeitsbereichen der Frau (vgl. Helmers 2005). Dabei nimmt das Friedhofsgrab in der genannten Sphärentrennung allerdings einen besonderen Platz ein. Das Grab als Erweiterung von Haus und Garten – also der privaten Sphäre – befindet sich im öffentlichen Raum Friedhof,[8] der damit einen Übergangsraum zwischen öffentlicher und privater Sphäre bildet und von Frauen traditionell betreten werden darf. Historisch betrachtet konnte der Friedhof, ähnlich wie der Markt, so zum Kommunikationsraum für Frauen werden (vgl. Klaus/Drüeke 2004). Der Friedhof als öffentlicher Ort sowie der Weg dorthin und zurück ermöglichten damit Begegnung und Austausch mit anderen. Das Grab selbst – als öffentliches Repräsentationsmedium – galt wiederum den Männern. So war auf dem Grabstein lange der Name und weitere Personenangaben des Mannes wie Lebensdaten und Beruf die primäre Beschriftung, die die FriedhofsbesucherInnen zu lesen bekamen. Die Frau ging im Namen des Mannes auf und wurde, beschränkt auf ihre Rolle als Mutter, Tochter oder Ehefrau, in der Grabbeschriftung erinnert. Frauen wurden so auf den Grabsteinen über den Mann repräsentiert – und teilweise noch heute wird die Frau bei derartigen Grabbeschriftungen namentlich nicht genannt (vgl. Perry 1998). Aus dieser Perspektive ist das anonyme Grab für Frauen somit letztlich nichts Neues (vgl. Helmers 2005).

Familiengrab auf dem Magdeburger Südfriedhof, 2012 (Foto: Nicole Sachmerda-Schulz) Abbildung 3: Familiengrab auf dem Magdeburger Südfriedhof, 2012 (Foto: Nicole Sachmerda-Schulz)

10 Im Hinblick auf diesen geschlechterspezifischen Umgang mit Trauer und Bestattung ist daher neben dem subjektiven Verständnis von Anonymität bei der anonymen Bestattung weiterhin zu fragen, welche Rolle Geschlecht bei dieser Entscheidung spielt. Finden sich die genannten Genderstereotype auch im empirischen Material wieder? Gibt es zwischen den Geschlechtern unterschiedliche Motive bei der Wahl der anonymen Bestattung? Und wie lassen sich diese deuten?

3. Ergebnisse: Bestattung, Anonymität und Geschlecht

3.1. Methodisches Vorgehen

11 Um uns den genannten Fragen anzunähern, nutzen wir Interviewmaterial, das im Rahmen des Dissertationsprojektes von Nicole Sachmerda-Schulz[9] zum Thema anonyme Bestattungen erhoben wurde. In diesem Projekt geht es um die generelle Frage, warum sich heute immer mehr Menschen für eine anonyme Bestattung entscheiden. Im Zuge der Datenanalyse wurden differierende Entscheidungsprozesse und Motive bei den weiblichen und männlichen Interviewten sichtbar, die in diesem Beitrag im Besonderen herausgearbeitet werden.

12 Das Datenmaterial wurde mittels offener Leitfadeninterviews (orientiert an Przyborski/Wohlrab-Sahr 2009: 138ff.) erhoben, die bundesweit mit Personen geführt wurden, die sich für eine anonyme Bestattung auf dem Friedhof oder in der Natur (See- oder Friedwaldbestattung) entschieden und dies zum Teil auch bereits verfügt haben.[10] Das Sample setzt sich aus 22 Personen zusammen, von denen dreizehn weiblich und neun männlich sind. 14 Personen geben an, keiner Konfession anzugehören, fünf Personen sind nach eigener Aussage evangelisch und drei katholisch. Die Altersspanne reicht von 24 bis 87 Jahren. Die Datenerhebung erfolgte nach den Prinzipien des Theoretical Sampling[11] der Grounded-Theory-Methodologie, welche auch für die Datenanalyse genutzt wurde (vgl. Strauss/Corbin 1991; Mey/Mruck 2011).

13 Im Folgenden werden die Ergebnisse der Interviewauswertung vorgestellt. Im ersten Abschnitt wird dabei der Frage nachgegangen, welche Deutungen von Anonymität bei der Bestattung sich empirisch nachzeichnen lassen. In der Datenanalyse zeigt sich, dass die subjektiven Verständnisse von Anonymität hierzu sehr heterogen ausfallen. Im zweiten Abschnitt wird, mit einem intensivierten Fokus auf genderbezogene Differenzen, herausgearbeitet, in welcher Weise sich die Motive und Intentionen bei der Entscheidung für eine anonyme Bestattung bei Frauen und Männern unterscheiden lassen.[12]

3.2. Divergierende subjektive Deutungen von Anonymität bei der Bestattung

14 Die Analyse der empirischen Daten verweist darauf, dass die Wahl der Anonymbestattung vor dem Hintergrund sehr heterogener und facettenreicher Konzeptionen von Anonymität stattfindet. Die Bandbreite subjektiver Sichtweisen wird hier als ein Kontinuum erkennbar. Dieses reicht von der Anbringung eines kleinen Namenschilds in der Nähe der Grabstätte etwa als Alternative zur Sichtbarkeit konventioneller beschrifteter Grabsteine über die Anonymität für eine ‚fremde‘ Öffentlichkeit bis hin zur Herstellung und Aufrechterhaltung der Anonymität auch für Angehörige. Letzteres impliziert vollständige Nicht-Identifizierbarkeit des Bestattungsortes.

15 Das Extrem der vollständigen Nicht-Identifizierbarkeit im Kontext von Bestattung macht der Interviewpartner Dirk Q.[13] deutlich. So wünscht er sich eine Bestattung „in einem anonymen Massengrab auf der Wiese. Wo nicht nachvollziehbar ist, wo meine Urne liegt“. Diese Form der Bestattung würde eine präzise geografische Lokalisierung seiner Grabstätte unmöglich machen. Seine Grabstätte wäre eine, die er mit einer unbenannten Vielzahl teilt, ein ‚Verschwinden in der Masse‘. Dirk Q. gibt an, testamentarisch verfügt zu haben, seine Beisetzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchführen zu lassen. Auch die Teilnahme von Angehörigen schließt er aus: „Ich möchte aus meiner Familie niemanden dabei haben. Und ich möchte auch aus meinem Freundeskreis niemanden dabei haben.“ Realisiert wird die vollständige Nicht-Identifizierbarkeit der Grabstätte hier durch die Kombination der Art der Beisetzung und der Gestaltung der Grabstätte selbst. Mit der anonymen Grabstätte intendiert Dirk Q., nach dem Tod unauffindbar zu sein:

„Ich möchte das nicht, dass nach meinem Ableben irgendwelche Leute, die mich während meines Lebens entweder nicht mochten, ich meine, das hat man ja oft, dass Leute an ein Grab gehen und den beschimpfen, der da drinne liegt. Oder irgendwelche Leute, die zu meinen Lebzeiten aus irgendwelchen Gründen, damit meine ich die dort [zeigt auf Fotos seiner Kinder], nichts mit mir zu tun haben wollten. Dass die danach an meinem Grab stehen und sonst was tun. Das möchte ich nicht. Die Vorstellung, die macht mich wütend. Und wenn ich dazu beitragen kann, das zu verhindern, dann tue ich das.“

16 Dirk Q. hat sich in seinem Leben mit wichtigen Bezugspersonen überworfen. Zu seinen Eltern hat er ein schwieriges Verhältnis, seine Frau ließ sich von ihm scheiden, und seine erwachsenen Kinder haben den Kontakt abgebrochen. Zudem sind sein Bruder sowie sein bester Freund bereits verstorben. Damit gibt es für ihn keine Personen mehr, für die seine Grabstätte einen wichtigen Erinnerungsort darstellen würde. Stattdessen fürchtet er, über seinen Tod hinaus Zielscheibe negativer Zuschreibungen zu sein. Dirk Q. wünscht sich, auch nach seinem Tod die emotionale und physische Distanz zu Personen zu halten, die ihm zu seinen Lebzeiten nicht nahestanden beziehungsweise nahestehen wollten. Er kann sie über die stille Beisetzung und die nicht-gekennzeichnete Grabstätte ausschließen und ihnen damit sowohl die Möglichkeit des Grabbesuchs als auch etwaiger Diffamierungen nehmen. Die anonyme Bestattung ermöglicht hier also die Unauffindbarkeit der Grabstätte, was wiederum Voraussetzung dafür ist, soziale Distanz auch nach dem Tod kontrollieren zu können. Kontrolle erweist sich in der Analyse als ein genereller und bedeutsamer Aspekt bei der Entscheidung für eine anonyme Bestattung, denn durch diese Bestattungsform ist es den Interviewten möglich, über ihren Tod hinaus mitzubestimmen, wie sich Erinnerung und Gedenken an ihre Person am Bestattungsort konkret gestalten. Unabhängig von der eigenen Entscheidung über Trauerfeier und Bestattungsort ist die anonyme Grabstätte durch Andere unveränderlich – da sie von den Angehörigen nicht gepflegt oder gestaltet werden kann. Das persönliche Erinnern oder ‚Vergessen‘ des Grabes ist somit für FriedhofsbesucherInnen als Öffentlichkeit nicht sichtbar, und die Ästhetik der Grabstätte wird so durch die Verfügung langfristig über den Tod hinaus kontrolliert.

17 Die Bedeutung der Kontrollierbarkeit durch eine anonyme Bestattung wird auch bei der Interviewpartnerin Stefanie I. deutlich. Bei ihr ist der Wunsch danach zu verfügen, wer das Grab aufsucht und ihr in welcher Form gedenkt, zudem verbunden mit der Möglichkeit, Ruhe zu gewährleisten und – ähnlich wie bei Dirk Q. – antizipierte negative Handlungsweisen am Grab zu vermeiden. Stefanie I. begrüßt es,

„dass man dann noch hinterher seine Ruhe hat. Und nicht da einer oben rumrennt, der da aufm Kopf rumkratzt mit ner Harke oder einen Wasser aufn Kopf kippt. Also det ist für mich der Inbegriff von Ruhe, von Ruhe und Frieden“ und „Ick hab zu meinem Mann mal gesagt, äh er soll mich anonym beerdigen lassen, äh mal angenommen, ich sterbe vor meiner Mutter, da kann sie mir wenigstens nicht mehr aufs Grab spucken. (lacht)“.

18 Ein weniger ausschließlich an Anonymität orientierter Wunsch artikuliert sich in den Aussagen der Interviewpartnerin Edith H., die eine Identifizierbarkeit durch Angehörige akzeptiert, jedoch Anonymität für die ‚fremde‘ Öffentlichkeit hergestellt sehen möchte: „Fremde hat das nicht zu interessieren. Und meine Leute, entweder sie merken sich meine Daten oder ich war für sie nicht wichtig.“ Eine anonyme Bestattung soll in diesem Fall ein Gedenken unabhängig und jenseits der letzten Ruhestätte ermöglichen und gleichzeitig verhindern, eine feste Erinnerungsstätte und damit einen geografischen Ort des verpflichtenden Erinnerns zu schaffen: „Also suche ich mir die Stelle, wo ich heute beerdigt sein will und alles andere muss so sein, dass sie an mich denken, ohne dass sie da unbedingt auf den Friedhof laufen müssen. Und deswegen will ich auch keine Namensgebung haben“. Für Interviewpartner Heinrich N. stellt sich die Schaffung einer solchen Erinnerungsstätte als überflüssig dar:

„Es [ein Namensschild] bringt keinem was. Also, wenn einer meint unbedingt, es müsste da ein Schild mit Heinrich N. angebracht werden – von mir aus muss das nicht sein, ne? Ich find das total in Ordnung, dass die nicht irgendnen Stein oder sonst ein Zeichen brauchen, um sich an mich zu erinnern. Können doch ein Foto von mir nehmen“.

19 Heinrich N. überlässt es seinen Angehörigen, nach Wunsch ein Namensschild an der Grabstätte anzubringen. Eine Grabkennzeichnung erachtet Heinrich N. jedoch generell als nicht notwendig für das Erinnern. Das Gedenken an den Verstorbenen wird für ihn mit der anonymen Grabstätte nicht in Frage gestellt. Der Interviewpartner Thomas C. möchte mit dem Verzicht auf eine gekennzeichnete Grabstätte das Gedenken an ihn sogar erleichtern. Er sagt, er wolle seine Kinder nicht „in die Pflicht kommen lassen“, indem er „gar keine Stätte“ schafft. Thomas C. will „es einfach ihnen überlassen, wo immer sie sind mir zu gedenken oder dieses auch nicht zu tun“. Erinnern erscheint in dieser Konzeption als erwünschte optionale Handlung, die keiner spezifischen Ortsbezogenheit bedarf.

20 Mit dem Wissen der Angehörigen um den Ort des Grabes relativiert sich für die Interviewpartnerin Petra G. die Bezeichnung ‚anonym‘ für ihren Bestattungswunsch, denn damit sei die Grabstätte „Nicht ganz anonym. Denn anonym ist ja, wo keiner weiß, wo ich bin.“ Bei der Nachfrage der Interviewerin, ob es dort eine zentrale Namenstafel gebe, verneint Petra G. und resümiert: „In dem Sinne ist es dann für Fremde wieder anonym.“ Die intendierte ‚Anonymität‘ beinhaltet für Petra G. demnach die Nicht-Auffindbarkeit der Grabstätte für ‚Fremde‘. Da ihre Kinder bei der Bestattung anwesend sein sollen, könnten sie sich den Ort merken, womit sie von der Anonymität ausgenommen wären.

21 Die Analyse zeigt, dass sich Anonymität bei der anonymen Bestattung in einem Spannungsverhältnis zwischen Inklusion und Exklusion befindet: Anonymität kann hergestellt werden durch Ausschluss von Familie, Freunden, Bekannten oder einer fremden Öffentlichkeit, indem ihnen die Möglichkeit, an der Bestattungszeremonie teilzunehmen oder die individuelle Grabstätte aufzufinden, verwehrt wird. Dabei sind es die Interviewten selbst, die schon vor ihrem Tod kontrollierend verfügen, wer in Kenntnis gesetzt wird über Bestattung und Grablage. Die Vorausverfügenden können nicht nur über Bestattungszeremonie, Bestattungsform und -ort bestimmen, sondern aufgrund des Wegfalls der individuellen Grabpflege auch über die zukünftige Gestaltung ihrer Grabstätte.

22 Bei Interviewpartner Frank S. wird Anonymität bei der Bestattung zudem als Individualitätsstreben erkennbar. Er wünscht sich einen Einzelbaum sowie eine Beschriftung seiner Grabstätte im Friedwald mit einem kleinen Schild: „Jetzt nix irgendwie was einen irgendwie sofort in Bann zieht, aber auch nicht so ein Baum, wo zehn drum rum liegen.“ Für ihn stellt die anonyme Naturbestattung eine individuelle Alternative zum traditionellen Friedhofsgrab dar, das er als normiert und standardisiert wahrnimmt: „diese einzelnen Gräber, die da so nebeneinander sitzen, so konform irgendwie nebeneinander hocken […] und jeder so den gleichen Stein, das gefällt mir irgendwie alles nicht“. Einerseits kann die Anonymbestattung somit als eine Distanzierung vom traditionell christlichen Erdbegräbnis verstanden werden, deren Wahl in besonderem Maße Individualität ausdrücken soll. Andererseits kann aber im Gegensatz zur betont persönlichen Beisetzung bei der anonymen Bestattung die Individualität der beigesetzten Person symbolisch ausgelöscht werden, da die oder der Tote beziehungsweise die individuelle Grablage für die Angehörigen wie für die Öffentlichkeit nicht mehr auffindbar sind. Damit steht die anonyme Bestattung in einem paradoxen Spannungsverhältnis zwischen Herstellungs- beziehungsweise Aufrechterhaltungsbestrebung und Tilgung von Individualität. Ein Erinnern an die verstorbene Person muss dabei aber nicht prinzipiell in Frage gestellt und Anonymität nicht mit Vergessen gleichgesetzt werden.

3.3. Genderbezogene Unterschiede bei der Bestattungswahl

23 In der Analyse der individuellen Motive und Intentionen zeigen sich auffällige Unterschiede in den Perspektiven auf die anonyme Bestattung bei Frauen und Männern: Während mehrere Interviewpartner bezüglich der Bestattungswahl betonen, hierdurch auch ihre Weltanschauungen und Werthaltungen zur Geltung bringen zu wollen, begründen die Interviewpartnerinnen ihre Entscheidung tendenziell mit praktischen und sozialen Aspekten. So resümiert beispielsweise die Interviewpartnerin Edith H. aufgrund ihres relativ kleinen Familien- und Bekanntenkreises, dass „sich das für mich ohnehin gegenüber den früheren Bestattungsformen einengt. Ich weiß auch recht gut, dass es kaum jemand geben wird, der noch lange Zeit hat, um ans Grab zu gehen und mein Grab zu pflegen.“ Sie rekurriert bei ihrer Bestattungsentscheidung dezidiert auf ihren Familien- und Bekanntenkreis: Da sie nur wenige Angehörige hat, die ihrer Darstellung nach kaum Zeit haben, ist für sie die anonyme Bestattung eine pragmatische Alternative. Auch die Bestattungsverfügung selbst erstellt Edith H. aus Rücksicht auf ihre Angehörigen: „Das Oberste ist alles zu regeln, damit meine Hinterbliebenen dann nicht überrascht sind und unnötig Aufwendungen haben. Aufwendungen in Form von Zeit und Geld“. Mit der Erstellung der Bestattungsverfügung betrachtet sie ihre Angehörigen als vollständig entlastet.

24 Edith H. will ihre Familie – hier handelt es sich um einen Sohn und dessen Frau sowie ein erwachsenes Enkelkind – insbesondere nicht mit der Grabpflege belasten, da diese an einem anderen Ort als sie selbst wohnt. Interviewpartnerin Hannah P. hat dieselben Bedenken und dies, obwohl ihre Familie größer ist und teilweise im selben Ort lebt, was helfen könnte, den Grabpflegeaufwand auf mehrere Schultern zu verteilen. Hannah P. denkt hier pragmatisch in Bezug auf eine unbekannte Zukunft, in der die Kinder womöglich den Wohnort wechseln, womit die räumliche Nähe zum Grab nicht mehr gegeben wäre:

„Und die Kinder sind heute – einer da, einer da, einer da, wer soll das pflegen? Wie oft siehst du auf dem Friedhof verwildert, da steht, die Angehörigen möchten sich melden auf dem Amt. Aber es ist keiner da, nicht? Da hab ich gedacht, ja, dann lass ich lieber so, sie wissen, da ist sie verstreut“.

25 Diese Aussage verweist neben der angestrebten Entlastung der Angehörigen auch auf den Aspekt der Angst vor der – für alle FriedhofsbesucherInnen sichtbaren – Verwahrlosung der Grabstätte, die Hannah P. aus eigener Erfahrung auf dem Friedhof kennt. Mit einem anonymen Grab kann sie dem vorbeugen, da dieses von der Friedhofsverwaltung gepflegt wird und so vor Verwahrlosung gefeit ist. Dabei ist Grabpflege und -ästhetik vor allem relevant in Hinblick auf die Sichtweisen ‚Anderer‘. Interviewpartnerin Melanie M. äußert hierzu:

„jeder guckt, diese Woche war die gar nicht aufm Friedhof und hat geharkt oder es wurden noch gar keine neuen Blumen gepflanzt und das Gesteck, na das ist bestimmt von Aldi oder so. Also da wird so richtig drüber hergezogen und das ist was, was mir total gegen den Strich geht“.

26 Melanie M. wohnt in einem kleinen Ort, in dem die soziale Kontrolle einen relativ hohen Druck vermitteln kann, da sich die BewohnerInnen persönlich kennen. Sie empfindet diese soziale Kontrolle, die sich auch auf den Friedhof erstreckt, als sehr belastend und hat sich daher für eine Waldbestattung außerhalb ihres Wohnorts entschieden, da es dort möglich sei zu „machen, was man möchte“. Über das anonyme Grab können so nicht nur der Pflegeaufwand und damit die Belastung der Angehörigen vermieden, sondern auch negative Attributionen durch Andere umgangen werden. Damit kann die Anonymbestattung eine Möglichkeit darstellen, sich (den Konsequenzen der) sozialen Normen und Konventionen in Bezug auf Grabpflege und -ästhetik zu entziehen. Dies bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, dass die zugrunde liegenden Wertbezüge von den Vorausverfügenden nicht geteilt würden. Unabhängig davon kann die anonyme Bestattung die Nichtverletzung dieser Konventionen durch die eigene Person beziehungsweise die Hinterbliebenen sicherstellen.

27 Die Relevanz dieses Aspekts zeigt sich auch bei Petra G. Sie markiert den Auslöser für ihren Bestattungsentschluss damit, dass ihre Kinder sich nicht angemessen um das Grab des Vaters kümmern. Petra G. befürchtet, dass ihre Grabstätte ebenfalls nicht in der von ihr gewünschten Form umsorgt werden würde, weshalb die anonyme Bestattung auch ihrem Wunsch nach einem gepflegten Grab entgegenkommt – unabhängig von Pflegehandlungen beziehungsweise -unterlassungen ihrer Kinder. Für sie liegt die Funktion von Anonymität daher vor allem in der Garantie einer gepflegten Grabstätte:

„Weil ich sehe, wie das verfällt und vergammelt. Und dieses weiß ich, das sieht ja immer gleich aus, da kann ja nichts passieren. Gar nichts. Das ist Natur und bleibt Natur. Und sie können hingehen, wenn ihnen danach ist und wenn nicht, dann gehen sie nicht. So einfach ist das. Es ist also keine Pflicht.“

28 Diese Aussagen zeigen ebenfalls, dass Petra G. ihre Bestattungsentscheidung vor allem in Bezug auf ihre Angehörigen trifft, deren Entlastung – von Grabpflege und auch Grabbesuch – für sie maßgeblich ist: „Ich habe immer gedacht, mein Gott, wie machstes am besten? So dass du irgendwann, wenn du mal nicht mehr bist, auch keinem dann zur Last fällst und zur Pflicht wirst. Das wollte ich eigentlich nie.“ Dabei bezieht sich Petra G. auch auf ihre eigenen Erfahrungen bei der Grabpflege, die sie zwar in der ersten Zeit als therapeutisch für den Trauerprozess, aber später auch als belastend wahrgenommen hat:

„Und das wird ne Belastung. Das ist ne Belastung. Ich meine, am Anfang macht man es gerne, ich hab es bei meinem Mann auch wahnsinnig gern gemacht, aber nachher wird es wirklich zur Belastung, das ist ne Tatsache. Gibt man ungern zu. Aber auch für mich. Hab ich immer gedacht, jetzt musst du noch zum Friedhof, oh lieber Gott nee ne. Ach und dann war ich manchmal auch richtig sauer, dass ich dann da noch hinmusste.“

29 Die Interviewpartnerinnen messen dem Aspekt der Grabpflege bei der Bestattungsentscheidung eine zentrale Rolle bei. Zum einen sollen die Angehörigen mit einer anonymen und damit pflegefreien Bestattung entlastet werden. Zum anderen wollen sie mit dieser Entscheidung einem verwahrlosten Grab vorbeugen, das – beziehungsweise die Vorstellung davon – sie sich selbst nicht zumuten möchten. Durch die Bestattungswahl realisieren sie eine autonome Fortexistenz nach dem Tod, die sie, beziehungsweise ihre Grabstätte, unabhängig von Pflege durch Angehörige macht. Die Konzentration der Interviewpartnerinnen auf die pragmatischen und sozialen Aspekte bei ihrer Bestattungsentscheidung korrespondiert auch mit einem traditionellen Rollenverständnis von Frauen und Männern. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die meisten Aufgaben der Totenfürsorge, vom Leichenwaschen bis zum Einsargen des Toten, Frauen zugeteilt (vgl. Cremer 1998). Dieses Verständnis zeigt sich explizit in einigen Interviews: Beispielsweise beginnt Mathilde F. darüber nachzudenken, sich anonym bestatten zu lassen, als ihr Sohn und einziges Kind in die USA zieht. Neben dem Problem der geografischen Entfernung, das die Organisation der Grabpflege ihrer Meinung nach deutlich erschweren würde, sieht sie die Aufgabenerfüllung hier streng gender- beziehungsweise familienspezifisch: Sie gibt zu bedenken, „dass eine Tochter vielleicht alles dafür täte, für die Eltern im fernen Deutschland über den Tod hinaus zu sorgen. Ein Sohn hat damit sicher größere Probleme, und Schwiegertöchter sind vermutlich bei allem guten Verstehen in diesem Punkte nicht verlässlich genug.“ Für Mathilde F. resultiert die Wahl einer anonymen Bestattung also nicht allein aus der Tatsache, dass ihr Sohn so weit entfernt wohnt. Sie würde eine adäquate Grabpflege von ihm in seiner Rolle als Sohn gar nicht erwarten. Eine Tochter hingegen wäre fähig und willens, sich trotz geografischer Distanz um das Grab zu kümmern. Die Genderspezifik wird bezüglich der Schwiegertochter allerdings aufgelöst. Mathilde F. sieht nur eine eigene Tochter als geeignet, Schwiegertöchter hingegen als untauglich an. Grabpflege erscheint also zum einen als eine weibliche und darüber hinaus als eine Aufgabe der (Kern-)Familie.

30 Entscheidungen für eine anonyme Bestattung verweisen in Bezug auf Genderaspekte gleichzeitig in zwei gegenläufige Richtungen. Während sich in den Aussagen Aspekte zeigen, die auf ein traditionelles geschlechterspezifisches Rollenverständnis schließen lassen, reduziert die anonyme Bestattung zugleich sozial forcierte und geschlechtsbezogen gedeutete Handlungsweisen, denn die traditionellen Aufgaben der Frau wie das Erinnern am Grab und die Grabpflege entfallen bei der anonymen Bestattung (vgl. Helmers 2005: 336).

31 Für die Interviewpartner dagegen ist die Orientierung an den Angehörigen eher sekundär für ihre Bestattungsentscheidung. Dementsprechend betont der Interviewpartner Thomas C. zwar, dass er seinen Kindern dies gar nicht „zumuten“ möchte:

„diese Verpflichtung. Jetzt immer so sich drum kümmern zu müssen, dass das Grab gepflegt ist, dass man da zwei Mal im Jahr hinfährt oder so etwas, ja? Und die sollen da wirklich losgelöst werden und deswegen möchte ich sie gar nicht da in die Pflicht kommen lassen indem ich erst gar keine Stätte schaffe, sondern es einfach ihnen überlasse wo immer sie sind mir zu gedenken oder dieses auch nicht zu tun“.

32 Zum Aspekt der Entlastung führt ihn aber zuvor das (im Interview mehrmals bekräftigte) Argument, das Grab als ortsgebundene Erinnerungsstätte entspreche religiöser Praxis, welche er ablehne: „Das ist für mich typisch christliche oder an bestimmte Religionen gebunden und die sind für mich nicht relevant.“ Ebenso erwidert Heinrich N. auf die Frage der Interviewerin, ob die von ihm erwähnte Entlastung seiner Kinder der Hauptgrund für seine Entscheidung sei, dass er dies vielmehr als positiven „Nebenaspekt“ sehe. Und er führt weiter aus: „Nee, weil ich sage, für wen bringt das was? Weil ich ja keiner Kirche angehöre.“ Anschließend schildert er als Beispiel einer negativen Erfahrung die katholische Beerdigung einer 85jährigen Nachbarin, bei welcher der Priester sich ausschließlich auf die Sünden der Verstorbenen und deren Vergebung bezogen habe. Heinrich N. urteilt darüber: „Das war so schlimm.“ Er verstärkt so seine Entscheidung für eine – in seinen Augen – ‚nicht-kirchliche‘ Beisetzung: „Und ich hab gedacht, nein, nein, nee. Das will ich nicht.“ Über die anonyme Bestattung will Heinrich N. sich von der kirchlichen Bestattung abgrenzen und so auch seine Wertevorstellungen zum Ausdruck bringen. Ähnliche Motive finden sich bei Interviewpartner Daniel B., der im Verlauf des Interviews ebenfalls seine atheistische Weltsicht mehrmals verdeutlicht: „ich will natürlich nicht auf einen so genannten Gottesacker liegen irgendwann, ja? Was ja Friedhöfe sind, ja? Das heißt die Alternative, die es jetzt gibt mit den Friedwäldern, das hat mich auch relativ früh interessiert.“. Er sieht die Friedwaldbestattung als Gegenentwurf zur Bestattung auf dem Friedhof, welchen er wiederum als grundsätzlich christlich(-protestantisch) konnotiert betrachtet („Gottesacker“), weswegen er es ablehnt, dort beigesetzt zu werden.

33 Diese Darstellungen zeigen, dass der Aspekt der Entlastung der Angehörigen durch die anonyme Grabstätte im Gegensatz zu den Interviewpartnerinnen eher eine Nebenrolle spielt. Vielmehr betrachten die Interviewpartner die anonyme Bestattung als Gegenstück zur kirchlichen Bestattung, weshalb diese Bestattungsform dazu beitragen kann, ihre – hier eher kirchen- beziehungsweise religionskritischen – Vorstellungen auch über die Grabwahl auszudrücken.[14] Damit spielt die anonyme Bestattung als eine säkulare Bestattungsalternative bei den interviewten Männern eine größere Rolle als bei den Frauen, die diesen Aspekt eher als einen Möglichkeitsraum für alternative Bestattungsformen ansehen und ihre pragmatischen Überlegungen zur Entlastung der Angehörigen und garantierten Grabpflege in den Vordergrund stellen. Für Frauen wie Männer sind Entlastungsargumente also zwar relevant, bei den Frauen werden sie aber eher mit Vorstellungen von Ordnung und Konvention verknüpft, während bei den Männern weltanschauliche Positionen vorgeschaltet werden. Sowohl die Interpartnerinnen als auch die Interviewpartner benutzen dabei die anonyme Bestattung als ein Mittel zur Erfüllung der jeweiligen Ziele. Darüber hinaus zeigt sich auch die in der Geschlechterforschung viel beachtete Sphärentrennung: Während Männer die Sphäre der ‚Öffentlichkeit‘ besetzen, finden Frauen sich häufiger in der ‚Privatheit‘ wieder. Es scheint paradox, aber über das anonyme – und damit eigentlich nicht auffindbare – Grab intendieren die interviewten Männer, ihre Weltsicht dauerhaft über den Tod hinaus nach außen zu repräsentieren. Das ‚Außen‘ beschränkt sich dabei allerdings in der Regel auf die eingeweihten Angehörigen und die Personen selbst, die zu Lebzeiten ihre Bestattungsentscheidung in Einklang mit ihren Wertevorstellungen treffen. Für die interviewten Frauen spielt die Selbstdarstellung in der öffentlichen Sphäre des Friedhofs hingegen keine entscheidende Rolle. Ihnen geht es vielmehr um ihr Bild innerhalb der privaten Sphäre der Familie, in der sie als ein Familienmitglied wahrgenommen (beziehungsweise erinnert) werden möchten, das die Angehörigen auch über den Tod hinaus nicht belastet. Damit orientieren sich die Frauen bei ihrer Bestattungsentscheidung ebenfalls an Werten, insbesondere Rücksichtnahme, Bescheidenheit und Konventionen der Grabpflege, tragen diese Wertorientierungen aber nicht in den öffentlichen Raum.

4. Schlussbetrachtungen

34 Die empirische Analyse lässt ‚Anonymität‘ in der anonymen Bestattung als ein facettenreiches Phänomen auf einem breiten Kontinuum erkennbar werden. Anonyme Bestattung wird von den Interviewten nicht mit Auflösung von Individualität nach dem Tod gleichgesetzt, sondern gegenüber der – als standardisiert und damit als unpersönlich wahrgenommenen – traditionellen Bestattung vielmehr als eine individuell bestimmte Beisetzungsvariante aufgefasst. Die InterviewpartnerInnen beabsichtigen mit ihrer Bestattungsentscheidung dabei nicht einfach die Sicherstellung der Unauffindbarkeit ihrer individuellen Grabstätte, sondern zielen auf Kontrolle und Selbstbestimmung bezüglich dessen, was nach ihrem Tod mit der Ruhestätte ihrer Überreste geschehen soll. Hier zeigen sich divergierende Intentionen bei Frauen und Männern.

35 Die Interviewpartnerinnen handeln im Allgemeinen unmittelbar sozial orientiert: Indem sie sich für ein Grab entscheiden, das nicht gepflegt werden muss und darf und keinen individuellen Gedenkort darstellt, möchten sie ihre Angehörigen von Grabpflege und Grabbesuch entlasten. Damit ist auch ihre Bestattungsentscheidung mit Werthaltungen wie etwa Rücksichtnahme unterlegt. Darüber hinaus üben sie längerfristig Kontrolle auf das Aussehen ihres späteren Grabes aus, das durch die Pflege der Friedhofs- oder Forstverwaltung in seinem Erscheinungsbild nicht verändert und von den Angehörigen weder nach ihren Bedürfnissen gestaltet noch durch sie vernachlässigt werden kann.

36 Bei den Interviewpartnern erweisen sich sozial-pragmatische Erwägungen wie die Entlastung anderer eher als ein Nebenaspekt der Bestattungswahl. Sie setzen diese vielmehr in expliziten Bezug zu ihrer Weltanschauung und treffen die Entscheidung, da sie in der anonymen Bestattung etwa eine Alternative zu einer traditionellen und damit kirchlich geprägten Bestattung sehen.

37 Die Absicht einer Selbstdarstellung im öffentlichen Raum Friedhof nach dem Tod wird so bei den Interviewpartnern erkennbar, während sich die Interviewpartnerinnen in Orientierung an ihren Angehörigen – also der privaten Sphäre statt der öffentlichen – für eine anonyme Bestattung entscheiden. Die ‚fremde Öffentlichkeit‘ der FriedhofsbesucherInnen wird aber von der Darstellung jeweils ausgeschlossen, da der für alle öffentlich lesbare Name und damit der Verweis auf die jeweilige Person fehlt. Damit ist die Repräsentation der verstorbenen Person indirekt, beziehungsweise sie ist eingegrenzt auf ein vorab festgelegtes Publikum, das beispielsweise durch die Teilnahme an der Beisetzungszeremonie zumindest den kollektiven Bestattungsort kennt. Kontrolle und Selbstbestimmung nach dem Tod sollen hier also durch Inklusion beziehungsweise Exklusion bestimmter Personen erreicht werden. Dadurch kommt es zur Umdeutung des Friedhofs als einem öffentlichen Erinnerungsort, da das anonyme Grab die Verstorbenen für die Öffentlichkeit nicht sichtbar erhält. Mit dem Ausschluss der Öffentlichkeit wird das Grab als ein Erinnerungsdenkmal indes ad absurdum geführt, denn über das namentlich gekennzeichnete Grab auf dem öffentlichen Friedhof sollte die verstorbene Person originär als Teil der Gesellschaft erhalten werden. Mit einem anonymen Grab ist dieser Erhalt jedoch nicht möglich und die oder der Verstorbene wird ihr entzogen. Die Öffentlichkeit hat aber ohnehin an Relevanz für das Gedenken an die verstorbene Person verloren: Waren die FriedhofsbesucherInnen bis vor einigen Jahrzehnten noch vornehmlich Mitglieder einer Gemeinschaft des Toten im Sinne eines geschlossen Netzwerks, so sind die Netzwerke heute individueller beschaffen und weniger lokal gebunden. Für die InterviewpartnerInnen stellt sich ein öffentlich gekennzeichnetes Grab als subjektiv nicht sinnhaft beziehungsweise relevant dar, denn Erinnern und Gedenken an ihre Person beziehen sie nicht auf eine fremde Öffentlichkeit, sondern auf Menschen, mit denen sie persönlich bekannt sind und die sie beispielsweise über gemeinsame Erlebnisse in Erinnerung und damit als Mitglied der Familie, des Freundes- oder Bekanntenkreises weiter erhalten. Aus Sicht der Interviewten kann so das Erinnern für die Angehörigen auch erleichtert werden, da es von einem konkreten Ort gelöst beziehungsweise nicht an diesen gebunden wird. Ein Vergessen der verstorbenen Person impliziert das anonyme Grab daher keineswegs.

Danksagung

Für hilfreiche Hinweise danken wir Melanie Eulitz, Tom Kaden und Marliese Weißmann. Monika Wohlrab-Sahr und Günter Mey danken wir für ihre kritischen Anmerkungen.

Anmerkungen

  1. Für das gesamte Bundesgebiet liegt der mittlere prozentuale Anteil anonymer Bestattung im Jahr 2009 bei 27,9 Prozent. Dabei unterscheiden sich die Anteile der einzelnen Bundesländer teilweise erheblich und reichen von 6,5 Prozent in Rheinland-Pfalz bis zu 57,0 Prozent in Brandenburg (vgl. Sachmerda-Schulz 2010).
  2. In einigen Bundesländern gibt es auch die Möglichkeit der Ascheausstreuung auf einer Friedhofsrasenfläche (Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen). Auf einigen Friedhöfen ist auch ein anonymes Erdbegräbnis möglich.
  3. Die Firma FriedWald war der erste Anbieter von Waldbestattungen in Deutschland. Der erste Friedwald konnte aufgrund des Friedhofszwangs erst nach längeren juristischen Auseinandersetzungen eröffnet werden. Nähere Informationen zur Firma FriedWald: http://www.friedwald.de. Waldbestattungen werden mittlerweile auch von weiteren Unternehmen angeboten, wie beispielsweise Ruheforst (http://www.ruheforst-deutschland.de) oder Trauerwald (http://www.trauerwald.com).
  4. Dennoch versuchen Trauernde, die Anonymität des Grabes aufzuheben: Trotz des Verbots, das Grab zu kennzeichnen beziehungsweise zu schmücken, markieren manche Hinterbliebene die angenommene Stelle des Urnengrabes – bei Einzel- sowie auch bei Gemeinschaftsbäumen – mit Blumen, kleinen Steinen und anderer, möglichst natürlich anmutender Dekoration. Die Forstverwaltung räumt den Grabschmuck wieder ab, was die Hinterbliebenen dazu veranlasst, ihren Zierrat möglichst unauffällig zu platzieren oder zu verstecken. Ähnliche Handlungsweisen zeigen sich auch bei der Anonymbestattung auf dem Friedhof.
  5. Vgl. bspw. Süddeutsche Zeitung vom 31.03.2008: „Und der Zeitgeist schert sich eben nicht um Jenseitshoffnung oder einen Ort zum Abschiednehmen. Er verlangt nach billigem Sterben und frisst in seiner Gier Erinnerungslücke um Erinnerungslücke in den Friedhof.“ (Frank 2008).
  6. Daher integrieren mittlerweile auch die Kirchen diese neuen Bestattungsformen in die eigene Praxis. Beispielsweise eröffnet die Evangelische Kirche Deutschland in Kooperation mit den Unternehmen FriedWald und Ruheforst seit 2007 eigene Bestattungswälder.
  7. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts hatten Frauen etwa im Christentum bei der Trauer mehr Pflichten zu erfüllen. Sie mussten das erste Jahr über nach dem Tod eines nahen Angehörigen Trauerkleidung tragen und durften nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Dagegen war die Trauerzeit für Männer wesentlich kürzer, sie durften ausgehen, und die Trauerkleidung beschränkte sich auf einen Trauerflor am Arm oder Hut (vgl. bspw. Stöcker 2006). Die gesellschaftliche Ausgrenzung der Frauen durch Traueraufgaben zeigt sich auch in anderen Kulturkreisen. So verlieren beispielsweise Witwen in Indien ihre Existenzberechtigung mit dem Tod ihres Mannes. Bei der Witwenverbrennung im Hinduismus verbrennt sich die Ehefrau gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann auf dem Scheiterhaufen. Bis heute findet diese Tradition vereinzelt noch in Nordindien statt, beispielsweise bei den Rajputs (vgl. Kerrigan 2007: 124).
  8. In anderen Ländern sind Grabstätten nicht immer im öffentlichen Raum gelegen. In einigen Bundesstaaten der USA beispielsweise wird die Urne zu Hause aufbewahrt (vgl. bspw. Laderman 2003).
  9. Dissertationsprojekt „Selbstbestimmt bis nach dem Tod - Eine religionssoziologische Studie zur Normalisierung der anonymen Bestattung“ am DFG-Graduiertenkolleg „Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik“ an der Universität Leipzig. https://mahara.uni-leipzig.de/view/view.php?id=1042 (letzter Zugriff: 24.2.2014).
  10. Damit können Erkenntnisse darüber gewonnen werden, was es heißt, selbstbestimmt auf das namentlich gekennzeichnete Grab und damit den öffentlichen Hinweis auf die eigene Person zu verzichten. Die hohen Anteile anonymer Bestattungen resultieren jedoch auch daraus, dass Personen die anonyme Beisetzung ihrer nächsten Angehörigen verfügen. Laut einer repräsentativen Umfrage des Bundesverbandes der Bestatter (2008) können sich immerhin 33 Prozent der Befragten vorstellen, ihre nächsten Angehörigen anonym beisetzen zu lassen. In künftigen Studien sollten diese Perspektiven daher mit einbezogen werden.
  11. Die Samplingstrategie zielte nicht ausdrücklich darauf ab, Fälle gemäß ihrem angenommenen Beitrag zur Konzeptualisierung von genderbezogenen Differenzen auszuwählen. Dieser Aspekt trat vielmehr erst während der Analyse nach Abschluss der Datenerhebung verstärkt zu Tage und wurde am bestehenden Sample herausgearbeitet, wodurch sich notwendig Einschränkungen bezüglich des Geltungsanspruches der hier getroffenen Aussagen ergeben.
  12. Es sei abermals auf das zugrundeliegende Sample verwiesen, dass verallgemeinernde Aussagen bezüglich der ausgewiesenen Genderdifferenzen ausschließt. Eine größere Fallzahl beziehungsweise spezifischer gerichtete Samplingstrategie in möglichen Folgestudien könnte die hier dargestellten Interpretationen gegebenenfalls erweitern und differenzieren helfen.
  13. Bei den hier verwendeten Namen der InterviewpartnerInnen handelt es sich um Pseudonyme.
  14. Der mehrheitliche Wunsch nach Ausdruck der atheistischen Weltsichten der Interviewpartner in der anonymen Bestattung könnte einem Sample-Effekt geschuldet sein: Bei allen interviewten Männern zeigte sich ein tendenziell atheistisches oder kirchenkritisches Weltbild. Bis auf einen katholischen Interviewpartner gaben alle an, keiner Konfession anzugehören. Zumindest die im Rahmen dieses Samples befragten Männer scheinen ihrer Bestattungsentscheidung einen ideologischen Überbau zu geben.

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Autorin

Nicole Sachmerda-Schulz
Doktorandin im Graduiertenkolleg „Religiöser Nonkonformismus und kulturelle Dynamik“ an der Universität Leipzig

Paul Sebastian Ruppel
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie an der Fakultät für Sozialwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum und freier Mitarbeiter im Institut für Qualitative Forschung in der Internationalen Akademie, Berlin

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