Multidirektionale Transfers. Internationalität in der Geschlechterforschung – eine Einführung

Von Dörte Segebart und Doris Wastl-Walter

1 Internationalität gilt neben Innovation, Sichtbarkeit, Interdisziplinarität und Gleichstellung als nahezu unhinterfragbares Qualitätsmerkmal moderner Wissenschaft, als wichtiges Exzellenzkriterium moderner akademischer Bildungs- und Forschungseinrichtungen.

2 Das Konzept der Internationalisierung ist jedoch hoch ambivalent: Es kann einerseits wissenschaftliche Dialoge und Austausch fördern und die Umsetzung gemeinsamer Ziele, Normen und Werte stärken. Internationalisierung bietet Chancen, auch über die eigenen wissenschaftlichen oder institutionellen Grenzen hinaus zu kommunizieren und von neuen Sichtweisen zu lernen. Andererseits beinhaltet es durchaus die Gefahr, auch in der Wissenschaft vorhandene Ungleichheiten zu verstärken, Machtverhältnisse und hegemoniale Diskurse zu unterstützen und die Dominanz bestimmter Sprachen und Weltanschauungen zu perpetuieren. Internationalisierung birgt das Risiko, Diskurse oder Wissen zu homogenisieren oder zu mainstreamen, unbequeme Themen und Diskurse zu ignorieren, Personen oder Einrichtungen, die nicht die finanziellen oder technischen Mittel zur Internationalisierung haben, zu marginalisieren und auszugrenzen.

3 In diesem Band, der sich der Internationalisierung der Geschlechterforschung aus der Perspektive multidirektionaler Transfers widmet, sollen explizit auch Stimmen aus der ‚Peripherie‘ zu Wort kommen. Es ist unser Ziel, neben den leicht zugänglichen Voten aus dem angloamerikanischen Raum auch anderen Perspektiven ein Forum zu bieten und so tatsächlich multidirektionale Transfers und Gegendiskurse zu hegemonialen Positionen zu ermöglichen. Wir wollen damit Vielfalt und Multiperspektivität Raum geben und insgesamt die Debatte ‚dezentrieren‘ (vgl. Narayan/Harding 2000) und bereichern.

4 Aber Internationalität beeinflusst nicht nur die Entwicklung wissenschaftlicher Diskurse, sondern auch ganz wesentlich die Karrieren von Individuen, ihre Entfaltungsmöglichkeiten, ihre Ausgrenzungen, und sie kann möglicherweise auch den Leistungsdruck, unter dem heute viele Mitarbeiter_innen an Universitäten stehen (vgl. Strauss in diesem Band), noch erhöhen. Dieser Prozess kann gerade im akademischen Bereich bestehende Ungleichheiten reproduzieren oder neue kreieren, aber er kann auch Chancen bieten, bestehende diskriminierende Strukturen aufzubrechen und Ungleichheiten zu reduzieren.

5 Die Geschlechterforschung und viele Gender-Studies-Institutionen sind heute in Internationalisierungsdebatten oder -prozesse involviert. Auch wenn die Internationalisierung der Geschlechterforschung ein wichtiger Schritt sein kann, um feministische Praktiken und Ansätze auf lokaler, regionaler, nationaler und/oder globaler Ebene anzuwenden oder zu diskutieren, bedarf es einer Analyse der Aneignungs- und Ausgrenzungsprozesse, der Machtverhältnisse und Interessen, der Strategien sowie der Potentiale und Gefahren. Nicht immer dient sie per se positiven Entwicklungen und Ermächtigungen.

6 Jenseits von Internationalität als Exzellenzkriterium wissenschaftlicher Einrichtungen ist diese Diskussion in der Geschlechterforschung nicht neu. Vielmehr spiegelt das Thema Internationalisierung eine intensive kontroverse wissenschaftliche Debatte innerhalb feministischer Geschlechterforschung wider: Generell können mindestens zwei Diskussionsstränge in der Auseinandersetzung um die Internationalisierung in feministischen Debatten identifiziert werden (vgl. Moallem 2006: 334): Der erste Strang ist verbunden mit der Idee von einer imaginären Gemeinschaft von Frauen („sisterhood is global“), die durch dasselbe universelle patriarchale System unterdrückt wird und deren Befreiung durch eine Internationalisierung von bestimmten emanzipatorischen Werten und Normen möglich erscheint. Der zweite Strang basiert gerade auf der Kritik des ersten Strangs und bezichtigt ihn des feministischen Imperialismus. Er verweist auf bestehende und dominante politisch-ökonomische Kräfte der kolonialen Moderne und seiner post- oder neokolonialen Ausprägungen, die auf machtgeladenen gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen basieren. Er kritisiert gerade im Internationalisierungsprozess die Ausblendung von Machtverhältnissen in der Produktion und Verbreitung von Wissen, in Deutungshoheiten und in der Schaffung von Wissensregimen.

7 Trotz des Verweises auf die bestehenden Machtverhältnisse kann einem transregionalen, trans- bzw. internationalen Gedankenaustausch viel Potential zugeschrieben werden. So wird der Beitrag von nicht-westlichen Wissenschaftler_innen zu relevanten wissenschaftlichen Debatten, gerade zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Geschlechterforschung, aus verschiedenen Gründen noch immer nicht ausreichend wahrgenommen und wertgeschätzt. Ein gleichberechtigter internationaler wissenschaftlicher Austausch ist daher mehr als überfällig.

8 In dem aufgezeigten Spannungsfeld sind die Beiträge des vorliegenden Bandes von QJB zu verorten. Ihnen liegen u.a. folgende Fragen zugrunde:

  • Welche Möglichkeiten haben weniger etablierte bzw. marginale Felder wie die Geschlechterforschung, den Ansprüchen der Internationalisierung zu genügen?
  • Ist für die Internationalisierung der Geschlechterforschung nicht ein spezielles Konzept notwendig, das sowohl die Besonderheiten dieses disziplinären, inter- und transdisziplinären Forschungsbereichs berücksichtigt als auch die besondere Sensibilität der Geschlechterforschung gegenüber der Problematik des Deutungsanspruchs eines westlichen Feminismus?
  • Geht diese abstrakte wissenschaftliche Debatte an der Realität der fortschreitenden Internationalisierung der Zivilgesellschaft (v.a. der NGOs, die zu Geschlechterthemen arbeiten) vorbei?
  • Wie muss unter postkolonialer feministischer Perspektive (u.a. Hinterfragung von Machtverhältnissen in der Wissensproduktion) das Thema Internationalisierung diskutiert werden?
  • Ganz konkret: Welche Formen von Kooperationen und Austauschprozessen sind aus dieser Perspektive möglich und sinnvoll?
  • Können nicht-eurozentrische Modelle von gender relations für den Umgang mit der nicht-westlichen Geschlechterforschung fruchtbar gemacht werden?
In den Beiträgen dieses Jahrbuchs werden diese Reflexionen aus theoretischer und praktischer Sicht aufgegriffen und unter vier Gesichtspunkten diskutiert:

1. Travelling Gender Studies – Dialoging Concepts

9 Die Metapher des Reisens von Theorien und Konzepten (travelling theories) von Edward Said (1983) hat auch die Geschlechterforschung in ihren Analysen von Übersetzungen und Transfers von Konzepten in andere disziplinäre, kulturelle, transnationale Kontexte und den damit verbundenen Reibungen und Bedeutungsverschiebungen inspiriert (z.B. Binder et al. 2011).

10 Wie weit kann aber tatsächlich immer von der Mobilität und Zirkulationskraft von Konzepten ausgegangen werden? Welche Faktoren produzieren Hindernisse im Zirkulationsprozess, Widerstände, Blockaden oder Abwehr bei der Auseinandersetzung mit oder der Aneignung von Konzepten? Welche Rollen spielen Asymmetrien zwischen Wissenskulturen? Existieren Gegenbewegungen, die die Mobilität westlicher Konzepte in anderen Kontexten verhindern oder reduzieren?

11 Insgesamt wird davon ausgegangen, dass Konzepte nicht generell linear ‚nach vorne‘ reisen, sondern zirkulieren, sich verändern, anpassen, vereinnahmt oder abgewehrt werden. Binder et al. (2011) weisen auf eine häufig auftretende Problematik hin: die Nachzeichnung oder Interpretation von Wegen reisender Konzepte im Sinne der Begründung eines Fortschrittsnarrativs ohne explizite Thematisierung vorherrschender Machtverhältnisse in der globalen Wissensproduktion – dies auch innerhalb der Geschlechterforschung.

12 Daher gibt es neben der Vorstellung der linear reisenden Konzepte vermehrt die der miteinander dialogisierenden Konzepte und die Idee des Austauschs in Netzwerken: „Wird die Entwicklung der Gender Studies aus dieser Perspektive betrachtet, so treten sie noch deutlicher als ein vielschichtiges und polyphones Netzwerk unterschiedlicher Positionen, Theorien und Erkenntnisse hervor“. (Binder et al. 2011: 7)

13 In den folgenden Beiträgen werden diese unterschiedlichen Transfer- und Austauschprozesse anhand unterschiedlicher Konzepte der Geschlechterforschung reflektiert:

14 Ksenija Vidmar-Horvat diskutiert in ihrem Beitrag „A Wandering Paradigm, or Is Cosmopolitanism Good for Women?“ auf der Basis eines Vergleichs der wichtigsten aktuellen theoretischen Positionen die Gefahr, dass Kosmopolitanismus zu einem akademischen Gedankenspiel wird ohne jeden praktischen oder politischen Effekt. Sie zeigt, dass das Konzept des Kosmopolitanismus aus einer feministischen Perspektive das Überleben von Frauen, die unter nationaler oder postkolonialer Gewalt leiden, verbessern kann, wobei es ihr besonders um die Multiperspektivität des feministischen Ansatzes geht. Ksenija Vidmar-Horvath sieht in der Internationalisierung des kosmopolitanen Ethos aus einer feministisch-postkolonialen Perspektive eine Chance, die Situation der sozial Schwächsten und Verwundbarsten zu verbessern.

15 In dem Artikel „Thinking Beyond the Categories: On the Diasporisation of Gender Studies“ von Stefanie Kron und Birgit zur Nieden wird das Potential des Konzeptes Diaspora für feministische Methodologien, für die Internationalisierung der Gender Studies und für mögliche politische Interventionen in diesem Feld analysiert. Die Autorinnen sehen im Diasporakonzept die Möglichkeit, die nationale Begrenztheit der Gender- und Intersektionalitätsforschung in Deutschland zu überwinden. Basierend auf Angela Davis’ analytic method of perspectivity, Avtar Brahs diaspora space and Gloria Anzaldúas’ border thinking entwickeln die Autorinnen eine diasporische feministische Methode, um globalisierte soziale Ungleichheiten besser analysieren und verstehen zu können.

16 Martha Isabel Zapata Galindo konstatiert in ihrem Artikel „Intersektionalität und Gender Studies in Lateinamerika“, dass der Intersektionalitätsbegriff, der eine breite globale Rezeption erfahren hat, im lateinamerikanischen Geschlechterforschungskontext keine tiefgreifenden Auseinandersetzungen mit dem Konzept entfachen konnte, obwohl ein intensiver Austausch über andere Konzepte und Ideen innerhalb der lateinamerikanischen Gender Studies mit anderen westlichen Ländern durchaus stattfindet. Sie untersucht in ihrem Beitrag den Erfolg oder eher Misserfolg der Zirkulation des Intersektionalitätskonzeptes in den lateinamerikanischen Gender Studies und kontextualisiert ihre Ergebnisse in den Debatten um die spezifischen Bedingungen der Wissenszirkulation von Norden nach Süden.

2. Internationalisierung aus einer feministisch-postkolonialen Perspektive – Internationalisierung als Reproduktion von Ungleichheiten?

17 In zwei Beiträgen wird ein besonderes Augenmerk auf die ungleichheits(re)produzierenden Mechanismen der Internationalisierung gelegt, insbesondere im Hinblick auf den akademischen Bereich und die Universitäten als Arbeitsorte. Akademische Institutionen, aber auch die dort arbeitenden Wissenschaftler_innen, stehen in einem globalen Wettbewerb um Ansehen und damit verbunden um Ressourcen und die besten Köpfe. Die globale Ökonomisierung der Wissenschaft und Bildung kann zur Qualitätsverbesserung beitragen, sie kann aber auch nachhaltige Schäden im Wissenschaftssystem und in den persönlichen Karrieren und Arbeitsbedingungen bedeuten.

18 Mary Gilmartin fragt nach den kolonialen Tendenzen im globalen Internationalisierungsprozess der Hochschulen. Sie identifiziert dabei zentrale Probleme: die Art und Weise, wie Rankings entwickelt und angewandt werden, und die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Bedingungen, denen die Mobilität von Akademiker_innen im Internationalisierungsprozess unterliegt. In ihrem Beitrag „The Colonial Tendencies of Internationalisation“ bezieht sie sich auf die Konzepte de-coloniality und border thinking von Walter Miolo und auf Konzepte der feministischen Geographie wie countertopographies (Cindy Katz). In Auseinandersetzung damit formuliert sie alternative Wege, wie die Internationalisierung von Geschlechterforschung gedacht und praktisch umgesetzt gesetzt werden könnte.

19 Kendra Strauss weist auf die Arbeitsbedingungen in der heutigen neoliberalen akademischen Arbeitswelt in Großbritannien hin. Unter dem Titel „Internationalisation and the Neoliberal University“ stellt sie Ergebnisse einer Studie der Women and Geography Study Group in der Royal Geographical Society vor, in der es darum ging, Karrieremuster und Erfahrungen von Frauen in der Geographie zu analysieren. Strauss bezieht sich in diesem Beitrag auf Ergebnisse von Forschungen, in denen Work-Life-Beziehungen untersucht und Fragen zu Karrierebrüchen, zu Sorge- oder Pflegeverpflichtungen, zu Diskriminierung und Mobbing verfolgt werden.

20 In der Internationalisierung von Geschlechterforschung, in der es um Austausch und die Entwicklung von neuen kritischen feministischen Epistemologien geht, in der Machtbeziehungen und Hierarchien erkannt und analysiert werden, sieht sie neue Möglichkeiten der politischen Mobilisierung und der Schaffung neuer Allianzen gegen ungleiche Bedingungen im Neoliberalisierungsprozess der Hochschulbildung.

3. ‚Internationale‘ Praxis in den Gender Studies – Brücken oder Grenzen? Globale Diskurse und lokale Ausprägungen

21 Drei Beiträge sind der Internationalisierung als Wissens- und Institutionentransfer bzw. als Instrument der Strukturbildung gewidmet, wobei sich die Frage stellt, wie sehr damit auch ein massiver inhaltlicher Dominanzanspruch einhergeht. Die Gender Studies verstehen sich heute als internationalisiert. Sind sie das jedoch wirklich? Moallem (2006: 332) geht davon aus, dass sie höchstens verwestlicht oder sogar eher nur US-amerikanisiert sind, während Bose/Kim (2009) in ihrer Zusammenstellung einen Einblick in die sehr unterschiedlichen regionalen Ausprägungen von institutionalisierter Geschlechterforschung und von wissenschaftlichen Diskursen innerhalb der Gender Studies bieten. In drei Beiträgen in diesem Band werden an konkreten Praxisbeispielen der Einfluss der globalen Diskurse und Institutionen und die jeweils verortete Adaption und Ausprägung dargestellt.

22 Janice Monk und Maria Dolores Garcia-Ramon stellen in ihrem Beitrag „Bridges and Barriers: Some Cartographies of ‚International‘ Practice in Gender Studies“ das Beispiel der Internationalisierung der feministischen Geographie bzw. von Gender-Geographien in den Mittelpunkt. Sie zeichnen die Entwicklung in den letzten 35 Jahren aus der Perspektive einer der internationalen Hauptakteurinnen und Doyenne und aus der Perspektive einer der wichtigsten Proponentinnen mit einem nicht-anglophonen Hintergrund nach. Sie konzentrieren sich dabei auf drei wesentliche Punkte: erstens auf das Potential zur Zusammenarbeit und die Möglichkeit, internationale Strukturen zur Zusammenarbeit in der Geschlechterforschung zu schaffen; dies illustrieren sie mit zwei Beispielen. Zweitens widmen sie sich der Debatte um die Hegemonie des Anglophonen, wie sie einerseits bei den internationalen Publikationen zum Ausdruck kommt, aber gleichzeitig eben auch Gedanken und Diskurse prägt. Drittens wird in dem Beitrag thematisiert, wie eben durch internationale Kurse, Lehrbücher und elektronische Medien das Verständnis von Studierenden für ein relativ neues Fachgebiet wie die Gender Studies in vergleichsweise kurzer Zeit geprägt und entwickelt werden kann. In diesem Zusammenhang wird die anfänglich angesprochene Ambivalenz der Internationalisierung besonders deutlich.

23 Maskulinitätsforschung stellt in den Gender Studies auch in globaler Perspektive ein bisher noch relativ wenig bearbeitetes wissenschaftliches Terrain dar. In ihrem Beitrag „Maskulinitätsforschungen zu Kriegen und Post-Conflict-Gesellschaften“ stellt Rita Schäfer schwerpunktmäßig am Beispiel vom Südafrika, aber auch von Uganda, die unterschiedlichen Entwicklungen innerhalb der Maskulinitätsforschung in der Region vor und kontextualisiert sie zum einen innerhalb der globalen Maskulinitätsforschung und zum anderen innerhalb der (süd-)afrikanischen Gender Studies. Sie plädiert in diesem Kontext für eine weitere Ausdifferenzierung des Forschungsfeldes und betont dabei die Notwendigkeit, in den Forschungen zu Maskulinität und Konflikt einen intersektionalen Ansatz zu verfolgen. Sie betont die Bedeutung, die Forschungsergebnissen aus den betreffenden Ländern selbst zukommen sollte, und plädiert für die Etablierung transnationaler Forschungsnetzwerke ‚auf Augenhöhe‘.

24 Der audiovisuelle Forumsbeitrag „Internationalität in Gender Studies – Reflexionen aus Indien und der Türkei“ lotet mit sehr persönlichen individuellen Sichtweisen und Erfahrungen die Spannbreite von Positionen zum Thema aus. In den hier dokumentierten Interviews stehen nicht theoretische Reflexionen im Vordergrund. Der Beitrag soll innerhalb des Jahrbuchs daran erinnern, dass hinter den theoretischen Debatten Menschen stehen, die sich miteinander austauschen und auseinandersetzen wollen. Multidirektionale Transfers sind ebenso notwendig wie erwünscht, zugleich ist aber auch eine ständige kritische Auseinandersetzung über das Wie erforderlich.

25 Duygu Aloglu aus Ankara, Türkei, und Lavinia Mawlong aus Shillong und Mumbai, Indien, promovieren am Institut für Geographische Wissenschaften an der Freien Universität Berlin. Sie sprechen über ihre persönliche Sichtweise auf das Thema Internationalisierung von Gender Studies, fokussieren speziell auf die Situation in der Türkei und in Indien und betten dies in ihren eigenen persönlichen Hintergrund ein. Die Interviews wurden auf Englisch und separat geführt. Sie sind im Videobeitrag zusammengefügt worden.

4. Transnationale Dialoge zu Gender Studies – Praktische Anwendungen

26 Wie können diese theoretischen Überlegungen der wandernden oder zirkulierenden Konzepte in der Praxis umgesetzt werden, und wie sensibel können oder sollen die Konzepte der Geschlechterforschung in unterschiedlichen kulturellen Kontexten wirksam werden? Gibt es gemeinsame universelle Werte und Konzepte in der Geschlechterforschung oder sind diese im Grunde ‚westliche‘ globalisierte Ideen?

27 Diesen Problemen und auch der Frage, wie transnationale und transkulturelle Dialoge innerhalb der Gender Studies ganz konkret stattfinden können bzw. sollen, wird in weiteren zwei Beiträgen nachgegangen:

28 Sigríður Þorgeirsdóttir beschreibt in ihrem Forumsbeitrag „Transnationale Dialoge am Beispiel des ‚Gender Equality Studies and Training Programme‘ in Island (GEST)“ das Experiment eines transnationalen Lernprozesses. Im internationalen Aufbaustudium „Gender Equality Studies and Training Programme“ mit Studierenden aus Afghanistan, Palästina und einigen afrikanischen Ländern sammeln Lehrende und Lernende der isländischen Universität Erfahrungen in einem transnationalen Dialog über Fragen der Geschlechter und Minderheiten in unterschiedlichen Kulturen. Ein Fokus liegt dabei auf der Sensibilisierung für die eigenen Positionierungen, basierend auf sozialisierten Werten und Normen. Eine wichtige Frage dabei ist immer die nach der Rolle von Herrschaftssystemen, seien sie religiöser, politischer oder wirtschaftlicher Art, für die Herausbildung dieser Werte und die damit verbundenen Strukturen und Praktiken. So können unterdrückende Mechanismen und Möglichkeiten der Befreiung analysiert werden. Dieses Beispiel will sensibilisieren für das große Potential der Hinterfragung eigener Konzepte, die dieser interkulturelle Lernprozess mit sich bringt, und auf den damit verbundenen großen Gewinn innerhalb der Geschlechterforschung hinweisen.

29 In ihrem Beitrag „The Transference of Gender-based Norms in the Law Reform Process“ reflektiert Y-Vonne Hutchinson einen Gesetzesreformprozess in einem burmesischen Flüchtlingscamp in Thailand, in dem hauptsächlich die Volksgruppe der Karen vertreten ist. Sie selbst hat dort für ein Jahr als Juristin an diesem partizipativen und inklusiven Reformprozess mitgewirkt, bei dem auch die Festschreibung von Frauenrechten eine wichtige Komponente war. Sie beschreibt ihre Erfahrungen im Aushandlungsprozess eines neuen rechtlichen Rahmens in der Gemeinschaft und stellt ihre persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen in den Kontext wissenschaftlicher Diskussionen um den Transfer und um die Übersetzung, Anpassung und Einführung (vernacularization) von Rechtsnormen. Auch die Debatte um universale Menschenrechte und kulturellen Relativismus aus einer Geschlechterperspektive wird aufgegriffen und anhand des Fallbeispiels konkretisiert.

Fundstück – Internationalität in der Zeitschrift „Cosmopolis“: Nutzung von cosmopolitarism zur Rechtfertigung des Frauenwahlrechts

30 Das Fundstück hat in diesem Jahrbuch die Kunsthistorikerin Britta Marzi beigetragen. Sie analysiert den im Jahr 1896 in der internationalen Zeitschrift „Cosmopolis“ erschienenen Beitrag von Helene Lange über das Frauenwahlrecht. In diesem Aufsatz rekurriert Helene Lange sehr strategisch auf nationale Debatten und auf Erfahrungen mit der Einführung des Frauenwahlrechts, um durch die Nutzung des Forums einer internationalen Zeitschrift diese nationalen Beispiele in einem internationalen Diskurs zu verorten und so auf Veränderungen in ihrem eigenen nationalen Kontext hin zu wirken.

Fazit: Multidirektionale Transfers? Internationalität in den Gender Studies – Euphemismus, eine Herausforderung für westliche feministische Diskurse oder Wege in einen neuen gleichberechtigten globalen Dialog?

31 Wenn man die Beiträge dieses Bandes ernst nimmt in ihren unterschiedlichen Plädoyers für Vielfalt und wechselseitige Respektierung von Positionen, dann kann Internationalität der Gender Studies aus einer feministisch-postkolonialen Perspektive nur zweierlei bedeuten: eine Bereicherung und Stärkung sowohl disziplinpolitisch als auch auf der inhaltlich-theoretischen Ebene sowie die strikte Vermeidung jeder Dominanz und Einseitigkeit (vgl. Mohanty 2003). Internationalität muss tatsächlich multidirektionale Transfers bedeuten. Ein gleichberechtigter globaler Dialog, der die unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen einbindet und darauf aufbaut, wird wesentlich profundere Erkenntnisse und Entwicklungen ermöglichen als eine Hegemonie westlicher feministischer Diskurse. Diese können so wie andere eine wichtige Rolle spielen, Impulse und Denkanstöße geben, aber ohne einen Anspruch auf Vorrang oder gar Alleinvertretung zu stellen.

32 Wir hoffen mit diesem Band eine Entwicklung in diese Richtung zu unterstützen.
Dörte Segebart, Doris Wastl-Walter

Literaturverzeichnis

  • Binder, Beate/Jähnert, Gabriele/Kerner, Ina/Kilian, Eveline/Nickel, Hildegard Maria (Hg.) (2011): Travelling Gender Studies. Grenzüberschreitende Wissens- und Institutionentransfers. Münster: Westfälisches Dampfboot.
  • Bose, Christine E./Kim, Minjeong (Hg.) (2009): Global Gender Research. Transnational Perspectives. New York, London: Routledge.
  • Moallem, Minoo (2006): Feminist Scholarship and the Internationalization of Women’s Studies. In: Feminist Studies. Jg. 32, Nr. 2, S. 332–351.
  • Mohanty, Chandra (2003): Feminism without Borders: Decolonizing Theory, Practicing Solidarity. Durham, N.C.: Duke University Press.
  • Narayan, Uma/Harding, Sandra (2000): Decentering the Center: Philosophy for a Multicultural, Postcolonial, and Feminist World. Bloomington: Indiana University Press.
  • Said, Edward W. (1983): The Text, the World, and the Critic. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Autorinnen

Dörte Segebart
Juniorprofessorin für Entwicklungs- und Genderforschung, Institut für Geographische Wissenschaften, Freie Universität Berlin

Doris Wastl-Walter
Professorin für Kulturgeographie, Geographisches Institut, Universität Bern; Vizerektorin für Qualität der Universität Bern

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